Kunsthandwerk

Empire Prunk-Teekanne, Silber, Deckenluster, Girandolen, Silberleuchter, Heisswassergefäss, Kanonemodell, Marmorbüste, Églomisé, Biedermeierglas, Wandappliken, Pistolen, Porzellan, Pistolen, Glas, Hirschfänger, Wigand-Kassetten, Perlmuttobjekte, Spiegel, Vasen


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Perlmutt Lichtschirm Wien um 1830Perlmutt Lichtschirm Wien um 1830 Perlmutt Lichtschirm Wien um 1830Perlmutt Lichtschirm Wien um 1830Perlmutt Lichtschirm Wien um 1830


UNGEWÖHNLICHER PERLMUTT-LICHTSCHIRM IN FORM EINES SEGELSCHIFFS MIT ANSICHT DER “SPINNERIN AM KREUZ”

Malerei Christoph Mahlknecht (1787-1851) zugeschrieben, Wien um 1830
Höhe: 56 cm, Perlmutt und feuervergoldetes Messing

Lichtschirm in Form eines Segelschiffes auf einem mit dem Schiffskorpus verbunden unregelmäßigen Sockel. Die Galionsfigur besteht aus dem Vorderteil eines springenden Löwen (häufige Galionsfigur, steht für Tapferkeit und Stärke) mit einem Anker, der um den Bauch befestigt ist. Am Heck befinden sich zwei aus Perlmutt gestaltete Fische, ein Delphin, horizontal von einem Dreizack aufgespießt (das Ruder), der andere in der Art von asiatischen Drachenfischen. Ein zweiarmiger vergoldeter Messingkerzenleuchter entspringt direkt neben dem Mast. Die beiden Perlmutt-Segel sind mit vergoldeten Messingteilen am Mast befestigt, ein Vogel im Flug hält die Seile der Segel. Das untere der beiden Segel ist handbemalt und bezeichnet “Spinnerin am Kreuz”. Das sogenannte “Krähennest” (Aussichtsplattform) und die Mastspitze sind ebenfalls aus vergoldetem Messing. Eine Dochtschere liegt bei.

Die Malerei kann Christoph Mahlknecht zugeschrieben werden. Ein Lichtschirm mit der gleichen Ansicht von ihm befindet sich im Wien Museum.

Schiffe mit bemalten Segeln als festliche Tafeldekoration wurden bereits Ende des 16. Jahrhunderts in Augsburg gefertigt, wie zum Beispiel ein Automat von Hans Schlottheim im Kunsthistorischen Museum Wien (Inv.Nr. KK874) aus dem Jahr 1585.

Wiener Kunstgewerbearbeiten der Biedermeierzeit zeichnen sich durch besondere Qualität aus. Sehr populär waren dekorative Perlmuttarbeiten, die als sogenannte  „Galanteriewaaren“ international vertrieben wurden. Neben Wien waren auch Paris und London Zentren für Perlmuttarbeiten. In einem zeitgenössischen Bericht von 1825 erfährt man folgendes: „Die Wiener Galanterie-Steinschneider-Arbeiten  […] sind so vorzüglich, daß sie keiner fremden Waare mehr nachstehen. Eben so sind die Arbeiten, welche hier aus Perlenmutter gemacht werden, ihrer ausgezeichneten Schönheit und der geschmackvollen Verziehrungen wegen allenthalben bekannt und beliebt. […].(1)  

Auf der Leipziger Messe von 1830 wurden die Wiener Galanteriewaren ebenfalls hochgelobt und es wird ein Lichtschirm aus Perlmutt in Form eines Schiffes erwähnt, wobei es sich um das vorliegende Stück handelt könnte: „Aber noch in keinem Winter waren die Wiener Galanteriefabrikanten erfinderischer, die Großuhrmacher fleißiger, die Arbeiten in Perlmutter (der Perlenmuttergeschmack ist der herrschende) baroker, […] Der auf alles merkende Sellier hatte gleich Anfangs die schönsten, aber auch wieder die [?] Uhren, Schildpatt- und Perlenmutterarbeiten der Wiener, so wie sie die Kisten öffneten in Beschlag genommen. […] ein Schiff von Perlenmutter, dessen Segel einen kunstreich gemalten Lichtschirm bilden zu 36 Thalern […].(2)

Die bekanntesten Fabrikanten in Wien waren Karl Schmidt oder Jakob Schwarz. Ersterer wurde mit einer Bronze-Medaille auf der ersten Wiener Gewerbeausstellung ausgezeichnet.(3) Vertrieben wurden diese Luxusgüter auch von sogenannten „Galanterie-Waarenhändler[n]“ wie Stephan Syre(4) oder Nikolaus Rozet (heute Juwelier Rozet & Fischmeister) aus Wien.

Perlmuttarbeiten befanden sich auch in kaiserlichen Besitz, zum Beispiel spendete Erzherzogin „Marianna“ (Maria Anna von Habsburg 1803-1858) 1845 für eine Wohltätigkeitslotterie „Ein Lichtschirm mit Armleuchter von Perlmutter, darauf eine Ansicht Wiens gemalt“.(4)

Das Wiener Denkmal der „Spinnerin am Kreuz“ zählt zu einem der beliebtesten Motive der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. „Der Blick auf Wien (von der Höhe des Wienerberges) mit der „Spinnerin am Kreuz“ wurde auch deshalb häufig gewählt, weil er dieses repräsentative und mythisch aufgeladene skulpturale Vordergrundmotiv mit einer fernsichtigen gegebenen Stadtansicht (entweder Wien oder Mödling) kombinieren konnte, zudem den Beginn der Bannmeile anzeigte sowie einen Bet- und Ruhepunkt inmitten geschäftigen Treibens bot.“ Neben dem Landschaftsausblick war auch der Sagenkreis um das Denkmal von Interesse.(5)

 

 





Abb. 1 Perlmutt-Modell des Äußeren Burgtores in Wien
Wien um 1825 (Silberkammer, Hofburg Wien)

Bedeutende Arbeiten aus der Zeit des Vormärz befinden sich in internationalen Museen, zum Beispiel befindet sich eine Perlmuttkassette mit Stahlbeschlägen und mehreren Gouachen in The Royal Collection Trust im St. James’s Palace in London (Inv.Nr. RCIN3487). Die Kassette enthält u.a. ein reiches Necessaire sowie Malutensilien. Im V & A Museum in London ist ein aufwendig gestalteter Perlmutt-Toilettenspiegel, dessen Rückseite mit einer Ansicht des Stephansdoms - wohl von Balthasar Wigand - bemalt ist (Inv.Nr. W.12-1977). Eine Uhr in Form eines Perlmuttgebäudes mit auf Glas gemalten Wien-Ansichten ist Teil der Sammlung des MET Museum in New York (Inv.Nr. 1993.314 a,b). Ein weiteres Galanterieobjekt befindet sich im MAK, Wien (Inv.Nr. BR 1557), eine Bilder-Perlmuttuhr mit gemalter Ansicht der Karlskirche. Ein Perlmutt-Modell des Äußeren Burgtores in Wien wurde kürzlich an die Silberkammer (Hofburg) verkauft (Abb. 1). In einer französischen Privatsammlung hat sich eine Uhr mit Automat in Form eines Bootes erhalten. (Abb. 2).

1 W.C.W. Blumenbach, Wiener Kunst- und Gewerbsfreund, Wien 1825, 2. Heft, S. 7.
2 Allgemeine Zeitung vom 19.7.1830, München, Nr. 200, S. 362.
3 Bericht über die erste allgemeine österreichische Gewerbsprodukten-Ausstellung im Jahre 1835, Wien o.J., S. 339 und 345-346.
4 Oesterreichisch-kaiserliche Wiener Zeitung, Wien 18.4.1845, Nr. 107, S. 824.
5 Werner Telesko: Kulturraum Österreich. Die Identität der Regionen in der bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts, Wien, Köln, Weimar 2008, S. 427.

 

 

 

Abb. 2: Perlmuttuhr mit Automat, Wien um 1820
Höhe: 42,5 cm, Privatbesitz Frankreich